Hier wird (wieder) gutes Bier gebraut! - Die Craft Beer Deutschlandkarte


Bierstile
Deutschland ist das Land der Biertrinker, des Reinheitsgebots und der Brauereien. Uns macht in Sachen Bier keiner was vor! Schon gar nicht die Amis! Diese dünne Plörre, die dort als "Beer" verkauft wird kann doch mit einem guten deutschen Bier, gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516 gar nicht mithalten! So oder so ähnlich denken viele Biertrinker - und bis vor ca. drei Jahrzehnten mögen diese Aussagen auch zugetroffen haben. Die US-Brauindustrie stand noch Anfang der 1980er Jahre kurz vor dem Niedergang: nur noch etwa 80 Brauereien produzierten Bier, meist in ein und demselben Stil: "... blasse Lagerbiere, erinnern vage an Pilsener, sind aber leichter im Körper, vor allem fehlt der Hopfencharakter und in der Regel sind sie im Gaumen langweilig" so der "Bierpapst" Michael Jackson (nein, nicht der sondern DER). Seit etwa Mitte der 1980er Jahre allerdings, entstanden in den USA zahlreiche kleine, unabhängige Brauereien, die Bier auf traditionelle handwerkliche Weise herstellten. Heute existieren in den USA knapp 3.500 Brauereien1, davon sind 99% kleine ("Microbreweries"), regionale und Brauereigaststätten ("Brewpubs"). Von diesen imposanten Zahlen darf man sich allerdings nicht blenden lassen: knapp 90% des US-weiten Bierkonsums werden von weltweit operierenden Großkonzernen (74 %) sowie Importen (15%) abgedeckt.

Sortenvielfalt und "kleine" Craft Brewer in den USA

Die Rückbesinnung auf alte Herstellungsverfahren gepaart mit Einflüssen von Bierstilen aus aller Welt und der Freude am Experimentieren mit der Zusammenstellung unterschiedlicher Hopfen, Malze und weiterer Zutaten ließen eine enorme Sortenvielfalt entstehen. Die US Brewers Association definiert heute 142 Bierstile, darüber hinaus gibt es unzählige Varianten mit zumeist kleinen Abwandlungen, die sich dennoch geschmacklich von den Standardstilen abheben.

Die Biere, die abseits des Massengeschmacks gebraut werden bezeichnen die Amerikaner als "Craft Beer", womit das Handwerk "Bierbrauen" in den Fokus gerückt wird. Dennoch sind Craft Brewers in den USA nicht ausschließlich als kleine Unternehmen mit geringen Produktionsmengen zu verstehen - zumindest nicht nach deutschen Maßstäben. Die US Brewers Association definiert einen Craft Beer Brauer als "klein", wenn er weniger als 6 Millionen Barrel (umgerechnet etwa 9,5 Millionen Hektoliter) Bier im Jahr herstellt2. Zur Einordnung: Sämtliche in Deutschland ansässige Großbrauereien unterschreiten diese Austoßmenge deutlich3, die größte deutsche Brauerei setzt ca. 5,5 Millionen Hektoliter pro Jahr um. Apropos deutsche Brauereien: Die Werbeversprechen hiesiger "Fernsehbiere" lassen den Konsumenten ebenfalls im Glauben, ein mit besten Zutaten und nach uralten Traditionen hergestelltes Produkt im Glas zu haben. Aber wie ist es um die Qualität des deutschen Durchschnittsbieres tatsächlich bestellt?

Biernation Deutschland - Industriebiere für die Masse

Den oben zitierten Satz zum Geschmack der US-Bier in den 1980er Jahren ließe sich ohne weiteres auf die deutschen Industriebiere der Gegenwart anwenden. Selbstverständlich gibt es hierzulande kleine und mittelständische Brauereien, die schon seit Jahrhunderten ihren individuellen, traditionellen Stil pflegen und das bis heute tun oft auch mit stark regionaler Konzentration. Dominiert wird der Biermarkt in Deutschland allerdings von einer Reihe großer Braukonzerne mit einem Anteil an der Gesamtproduktion von ca. 70%. Das sorgt dafür, dass die Supermarktregale mit Bieren gefüllt sind, die weitgehend darauf abgestimmt sind, möglichst den Geschmack der Massen zu treffen. Treffender wäre es wahrscheinlich zu behaupten, dass diese Biere keine Ecken und Kanten haben (dürfen) und bitteschön überall gleich schmecken sollen (obwohl sie von unterschiedlichen Braustätten kommen können). Damit letzteres umgesetzt werden kann, sind die Brauprozesse und die verarbeiteten Zutaten bis ins letzte Detail durchoptimiert. Hopfen wird in diesem Prozess beinahe ausschließlich in Form von Pellets verarbeitet, der Einsatz des ursprünglichen Naturprodukts wäre zu aufwändig, würde geschmackliche Variation hervorrufen und wäre dazu noch profitschädlich. Dennoch gab und gibt es auch in Deutschland Brauer, die großen Wert auf die Ursprünglichkeit der Zutaten legen und individuelle Biere mit charakteristischem Geschmack herstellen.

Alte und neue deutsche Brauer - Tradition, Qualität und Experimentierfreudigkeit

Der 500. Geburtstag des Reinheitsgebots in diesem Jahr macht deutlich: In Deutschland wird seit weit über einem halben Jahrhundert Bier gebraut, die Gründung zahlreicher deutscher Brauereien datiert sogar noch weiter in der Vergangenheit. Damit verfügt Deutschland über eine der ältesten Brautraditionen der Welt und Bier wird hierzulande als Kulturgut betrachtet. Alte, traditionelle Brauereien bilden eine Konstante der deutschen Bierlandschaft. Mit dem Festhalten an Rezepturen und Herstellverfahren - ohne dabei langweilig zu sein - sind alteingesessene Brauereien mit ihren Bieren unbedingt mit den heute angesagten IPAs, Chocolate Porters und Co. der neuen Generation von Brauereien gleichzustellen. Wobei man bei den Brau-Newcomern (zumindest in der Anfangsphase) häufig nicht wirklich von "Brauerei" sprechen kann, da hier die ersten Versuche und Experimente nicht selten in der heimischen Wohnung stattfinden. Mit Einkochtopf und Badewanne kommt man schon recht weit. Ein Weg hin zu professionellen Kesseln und weiterem Equipment kann via Crowdfunding gestartet werden, die Finanzierung wird dann flüssig zurückgezahlt. Die in den letzten Jahren gegründeten Brauprojekte jedoch über einen Kamm zu scheren, wäre unangemessen. Die Entstehungsgeschichten sind so individuell wie die Köpfe die dahinter stehen. Was sie aber vereint, ist die Lust auf das Kreeiren und Herstellen charakteristischer Biere, befreit von fixen Rezepturvorgaben und Standards einer Großbrauerei. Das schließt auch einige Braumeister alteingesessener Brauereien mit ein. Bei Braustätten kleiner und mittlerer Größe existiert offensichtlich auch ausreichend Freiraum für's Ausprobieren von Stilen abseits gängiger Klassiker.

Genussbiertrinker als Zielgruppe

Ein Blick in die Statistik könnte bereits auf eine Verlagerung hin zu kleineren Ausstoßmengen innerhalb der Brauwirtschaft schließen lassen. Während die Anzahl der betriebenen Braustätten in Deutschland seit 20 Jahren in etwa auf gleichem Stand blieb (1994: 1.182, 2014: 1.352) hat sich die Zahl der Braustellen mit niedriger Jahreserzeugung (bis 5.000 Hektoliter) in der gleichen Zeit von 625 auf heute 933 erhöht4. Naturgemäß ist der Anteil der Mikrobrauereien an der Gesamterzeugung mit nicht mal einem Prozent beinahe vernachlässigbar gering, allerdings ist die breite Masse möglicherweise auch gar nicht die bevorzugte Zielgruppe der Craft Beer Brauer. Natürlich haben qualitativ hochwertige Zutaten und kleine Chargen Einfluss auf den Preis des Produkts, womit schon mal eine erste Zugangshürde für den preisbewussten Bierkonsumenten genannt wäre. Der (Kasten-)Preis ist neben einer ausgeprägten Markentreue sicherlich das Hauptkriterium des Standardbierkäufers für die Auswahl beim Getränkehändler. Craft Beer spricht dagegen eher diejenigen an, die (ähnlich wie die Brauer) Lust am Ausprobieren neuer Geschmacksnuancen haben und sich beim Testen auch mal an Biere wagen, die mit Ingredienzien arbeiten die nicht dem Reinheitsgebot entsprechen. Ähnlich den Weintrinkern, legen Craft Beer Genießer, je nach Bierstil, Wert auf die Wahl des richtigen Glases (mal bauchig, mal hoch und schmal) zur Entfaltung des Bouquets zudem wird auf die richtige Trinktemperatur geachtet. Die Analogie zum Weintrinken geht noch weiter: Man öffnet (zu besonderen Anlässen) mal eine gute Flasche Bier, die zu diesem Zweck vor einigen Jahren im Keller eingelagert wurde und erfreut sich an der Entwicklung, die das Gebräu während der Reifezeit genommen hat. Auch das Foodpairing, also die passende Auswahl des Essens zum entsprechenden Bier, ist inzwischen beim Craft Beer angekommen. Überflüssig zu erwähnen, dass inzwischen auch ausgebildete Bier-Sommeliers gibt, die u.a. Restaurantgästen bei der Wahl des geeigneten Bieres zu jedem Gang zu unterstützen.

Es ist meist ein untrügliches Zeichen, dass ein Trend in der Gesellschaft angekommen ist (und damit vielleicht gar kein echter Trend mehr ist?), wenn die Big Player mit auf den Zug aufspringen. Also machen sich auch hier die großen Braukonzerne daran Biere herzustellen, die am Ende Craft Beer sein möchten, es aber leider oft nicht sind (weder geschmacklich noch von der Art und Weise ihrer Herstellung). Fakt ist, dass von der USA ausgehend, die Craft Beer Bewegung über das Vereinigte Königreich (dort hat sich die Anzahl von Craft Brewers < 1.000 hl seit 2009 mehr als verdoppelt) Deutschland inzwischen erreicht hat. Neben der gestiegenen Zahl an kleinen Brauereien (siehe oben) ist ein weiteres Indiz, dass sich inzwischen in gut sortierten Getränkehandlungen, Supermärkten oder bei spezialisierten Bierhandlungen eine mehr oder weniger große Auswahl an Craft Bieren finden lässt. Der geneigte Bierliebhaber wird sich aber vorerst noch in erster Linie im Netz, entweder bei einem der inzwischen zahlreich vertretenen Bier-Onlineshops oder bei Brauereien mit eigenem Online-Verkauf eindecken. Leider sind Kneipen und Gaststätten, die Craft Bier vom Fass anbieten zum jetzigen Zeitpunk noch die Ausnahme, hier sind vermutlich die engen Bindungen der Pächter an regionale Brauereien und deren Bieren ein Hindernis. Aber in einigen Gaststätten finden sich zumindest Craft Biere aus der Flasche auf der Getränkekarte, hier hofft man jedoch meist (noch) vergeblich auf das passende Glas zum bestellten Bier.

Auf jeden Fall besteht die Chance, dass über den Trend hinaus wieder eine junge Generation von Biertrinkern den Genuss des Trinkens zu schätzen lernt - im Gegensatz zur Flatrate-Sauf Mentalität der vergangenen Jahre. Und auch für den Nachwuchs an Braumeistern ergeben sich inzwischen neue Perspektiven und Möglichkeiten ihre Kreativität in die Flasche zu bringen. Vielleicht können wir in einigen Jahren dann völlig zu Recht wieder behaupten, dass den Deutschen beim Bierbrauen niemand (mehr) was vormacht.

In der Karte habe ich versucht eine möglichst breite Auswahl an deutschen Brauereien zu verorten, die handwerklich hergestellte Biere brauen. Mir ist völlig klar, dass diese Karte unvollständig sein muss. Es gibt mit absoluter Sicherheit etliche Brauereien die ebenfalls die Kriterien erfüllen, von denen ich aber nichts gehört (und damit leider auch deren Bier nicht probiert) habe. Deshalb gilt: Ihr kennt eine Brauerei, die mit auf die Karte gehört? Dann schickt mir die Infos per Mail (und gerne ein paar Flaschen zum Probieren per Post ;) ) oder schreibt eure Infos in einen Kommentar zu diesem Post.



Webwatch zum Thema Craft Beer:



Quellen:

1 Modern Craft Beer (US Brewers Association):
http://www.craftbeer.com/the-beverage/history-of-beer/craft-beer-today

2 What is Craft Beer (US Brewers Association):
http://www.craftbeer.com/the-beverage/what-is-craft-beer

3 Großbrauerei (Artikel in der Wikipedia):
https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fbrauerei

4 Betriebene Braustätten (Deutscher Brauer-Bund):
http://www.brauer-bund.de/download/Archiv/PDF/statistiken/2014_Braust%C3%A4tten.pdf

Könnte Dir auch gefallen:

0 Kommentare: